Haudegen – Die Zeit ist wie ein Radio und es wäre schön, wenn unsere Musik den Soundtrack dazu liefern kann

Die Musikbranche hält viele Überraschungen und vor allem auch positive bereit. Das neue Album von Haudegen, „Lichtblick“, gehört nicht dazu. Zu den Überraschungen. Schon längst haben sich Hagen Stoll, Sven Gillert und ihre Mitstreiter eine einzigartige Position HAUDEGEN_005_fb_800durch ihre Authentizität erspielt und so trifft das neue Album mit seinen Songs auch immer wieder mitten auf den gewünschten Punkt. Haudegen vermitteln ein Gefühl von Menschlichkeit und echter Fannähe, einfach Nähe am Mensch, die man heutzutage nicht mehr allzu oft findet.
Als das Telefon scheppert und sich Hagen zu Wort meldet, hallt es erstmal fett durch den Hörer. „Das ist ein extra eingebauter Effekt.“ Ja, nee, is‘ klar. Promo-Streß – sollte man eigentlich meinen, x Interviews geben usw… „Och, das als Streß zu bezeichnen wäre echt Meckern auf hohem Niveau“, lacht´s am anderen Ende des Hörers. „Klar machen wir so viel wie möglich, aber das als Streß zu sehen…“ Da muß ich gleich mal zu Beginn was einwerfen, wurde mir doch von Promoseiten kurz vor dem Interview noch ein Hörgenuß auf die Bonus-CD gegönnt und bei „Viva la Familia“ mußte ich etwas schmunzeln.

Alleinstellungsmerkmal

Grad bei Facebook ist´s ja durchaus ein fixer Begriff, mit dem gern um sich geworfen wird – in Kombination mit Künstlern, möchte ich mal vorsichtig anmerken, die für den Mega-Zusammenhalt stehen sollen. Ein Motto unter den Fans, in Gruppen… und was ist: Essig, große schöne Worte. „Dieser Songs ist wie alle anderen von uns gemeint wie gehört und wir finden durchaus, daß wir damit ein Alleinstellungsmerkmal innehaben.“ Denn bei Haudegen folgen Worten auch Taten.

Worte allein sind´s nicht

„Bei uns steht die Familie ganz groß, was wir auch mit unseren Familientreffen deutlich machen.“ Und damit meinen die Jungs mit Nichten alle viertel Jahr ein Besäufnis mit den Fans, nein. Absolut nicht. „Alle zwei Wochen stehen bei uns Familientreffen an, als Band mit Kind, Kegel usw… Es ist nicht unser Ding, nur miteinander Musik zu machen, sondern auch eine Art des miteinander Lebens.“ Darauf kommen wir im Laufe dieses Gesprächs noch eingehender zurück. Genauso direkt und geradlinig wie Haudegen nicht nur Worte klingen lassen, legen sich auch musikalisch nicht nur Schönrednerei an den Tag. Hagen zieht dabei einen Song der neuen Platte heran: „Nehmen wir mal ‚Gib mir mein Problem zurück‘ als Beispiel. Das ist nicht nur Bla Bla, sondern ein Statement und wir sind uns als Musiker und als Menschen unserer Verantwortung durchaus bewußt. Man definiert sich nicht durch Worte, sondern durch Taten und ich denke, wir dürfen es uns erlauben, hier auch von dem besagtem Alleinstellungsmerkmal zu sprechen.“ Haudegen ist es wichtig, ein Gefühl für Menschen zu haben und zu bekommen.HAUDEGEN_Lichtblick_Cover_800

„Sind wir doch mal ehrlich, wie viele gibt es denn von der Sorte, die auf einen Seite nur ‚Gutsi Gutsi‘ machen und dann hintenrum nur meckern. Ich sag nur ‚Das Land der Vollidioten‘, räusper. Wir haben einen anderen menschlichen Anspruch und wir geben Menschen auch nicht auf. Ich versteh auch nicht, was an einem Gutmensch, also einem Menschen, der etwas Gutes tut und tun will, so schlimm sein soll.“ Na, daß eben manche Knallköpfe diesen Begriff durch ihr oberflächliches, pseudo-entrüstetes Verhalten durch den Dreck ziehen, da sind wir uns einig. „Es ist doch toll, wen jemand etwas Gutes geben will.“

Die goldenen Drei

Zum Thema ‚nah am Mensch‘ haben sich Haudegen und in erster Linie Sven noch etwas aufgehalst: Eine eigene Bar. Dabei fallen wir wieder die Worte einer ehemaligen Kollegin ein: ‚Die drei goldenen, also krassesten Businesses der Welt: Musikbranche, Gastronomie und Rotlichtmilieu. Da ich Vogel natürlich das nicht für mich behalten kann, herrscht erstmal Gelächter und Sven gesellt sich auch dazu.
„Die Bar war ursprünglich als Haudegen-Stätte gedacht. Geschenke verteilen zum Nikolaus usw – und das ist eben daraus entstanden. Man muß sich eines hinter die Löffel schreiben, auch wir: Erfolg verändert einen und die Gefahr, den Kontakt zu den Menschen zu verlieren, ist immer gegeben. Und das wollen wir auf keinen Fall. Wir wollen da sein, wo unsere Musik angefangen hat – angefangen hat zu funktionieren und nach wie vor funktioniert.“ Da muß man aber ehrlich sagen: Nah an den Fans und dann noch eine Bar dazu – das kann es dann schon mal gewaltig im Leben von Sven und Hagen menscheln. Nerven braucht man dazu definitiv.HAUDEGEN_002_fb_800

„ Aber es wird keine Bordsteinschwalben geben“,

fügt Jens lachend hinzu. Na, dann wären die goldenen Drei echt bedient. Die Aufmerksamkeit, die der Band zu Teil wird, wollen sie auch teilen und etwas zurückgeben. „Es ist doch eh schon eine derart anonyme Zeit, das sagt leider schon vieles aus. Was wir machen, machen wir nicht, um uns zu profilieren (Thema ‚Gutmensch‘ – also die andere Kategorie davon). Wir machen das lieber im Stillen, es ist eine Sache von Herzen. Wenn wir etwas unterstützen oder dergleichen, dann weil es ehrlich gemeint ist.“ Dabei schwelgen die Beiden noch mal kurz in den erwähnten Familientreffen – da wird mit den Kiddies Musik gemacht, die Zeit sinnvoll miteinander und herzlich verbracht.

„Wenn sich jeder seiner Verantwortung bewußt wäre, wäre schon viel gewonnen. Man hat als Mensch eine Verpflichtung und wir sehen unsere darin, Perspektiven und Hoffnung zu geben. Und wer uns Kalkül mit unseren Treffen etc unterstellt, soll einfach mal aufn Sprung vorbeikommen und sich das selbst anschauen.“ Und nein, dabei schwingt kein ‚kannst ja mal auf eine Lache Blut vorbeikommen‘, sondern die ehrliche und aufrichtige Überzeugung zu zeigen, daß es eben auch anders geht im Miteinander.
„Diejenigen, die Schlechtes unterstellen, sind doch meist die, die die meisten Leichen im Keller haben.“ Entweder das oder oft genug Schlechtes erlebt. Kein Grund aber, alles hinzuschmeißen und am Ende noch zum Misanthropen zu werden.

Wenn sich Kalkül einschleicht

„Es ist ein schmaler Grat, was von dem, was wir gemeinnützig oder in dieser Art machen, an die Öffentlichkeit kommt und was nicht. Ein gewisses Kalkül schleicht sich einfach doch ein, auch wenn man es nicht will. Die sozialen Netzwerke tragen dazu ihren Teil schon auch bei. Man sollte sensibel mit solchen Dingen umgehen.“ Dabei ist es nicht nur die Musik oder die Karriereleiter, die die beiden als solche Menschen geprägt hat, wie sie sind. „Wir waren schon immer so, eben nah am Mensch. Lange schon vor der Musik und wir legen immensen Wert auf Freundschaft, auf unsere Freundschaft. Hier handelt sich nicht um einen Werte-Verkauf.“

Authentisches sieht man dieser Tage nicht mehr allzu viel wie Hagen und Sven bestätigen. „Diese Art, die wir einfach mal haben, ist leider recht selten geworden in der heutigen Gesellschaft. Das kommt viel zu kurz. Wir tragen das Herz auf der Zunge und um ehrlich zu sein, fühlen wir uns schon manchmal etwas allein auf unserem Weg. Wir würden uns freuen, wenn andere Künstler auch mal was in der Richtung machen würden…“ dabei spielen die Beiden auch auf den Song

„Zusammen sind wir weniger allein“ an.

Angesprochen darauf, daß eben viel Kontakt zu anderen auch viel Nerven kostet, man dann gern als Retter in der Not, der Allround-Ratgeber, das ewig offene Ohr gilt und einem das durchaus an die Nieren gehen kann und auch irgendwann an die Substanz, betonen Haudegen nochmals, wieviel Halt ihnen gerade ihre Freundschaft gibt. „Eine gute Freundschaft ist das beste Fundament, das man haben kann. Apropos Freundschaft und Verantwortung: Den Song ‚Igor & Nassim‘ ist so ein Beispiel für die Verantwortung, die wir bei uns als Künstler sehen. Beides sind Freunde von uns und nach einigen Gesprächen mit ihnen ist dieser Track entstanden. Und noch ein Rat, lach: Geht auf eine Tattoo-Konvention und Ihr seht verdammt viele normale, gute Leute.“

In Freundschaft und Familie sehen die Beiden auch einen Sinn des Leben: „Das Leben ist eine Berg- und Talfahrt – und so muß man diese Täler nicht allein bestreiten. Was allein nicht funktioniert: Zusammen kann es gehen und das wollen wir den Leuten auch signalisieren. Unsere Demokratie ist auch irgendwie was Komisches“, werfen die Zwei ein. „Denn eigentlich stimmt doch wieder jeder für sich allein. Vielleicht liegt unsere Art zu Denken auch daran, daß wir eben aus der ehemaligen DDR stammen und der Kollektiv-Gedanke etwas tiefer sitzt.“

Die Kraft zu geben

Schlimme Täler, Schicksalsschläge – wie oft werden diese Punkte als Entschuldigung oder Ausrede benutzt, um rein gar nichts mehr zu geben… „Schau dir Herbert Grönemeyer an. Was dieser Mensch einerseits durchgemacht hat und dennoch ist er nicht gebrochen. Er gibt nach wie vor so viel. Wir wollen den Leuten auch das Licht am Ende des Tunnels zeigen, daher auch der Name der CD. Die Zeit ist wie ein Radio und es wäre schön, wenn unsere Musik den Soundtrack dazu liefern kann.“ Wir hoffen, daß sich einige unserer Musiker-Kollegen eine Scheibe abschneiden. Wir können Menschen bewegen.“

Haudegen sehen sich dabei auch in der Verantwortung in der Form einer Art neuen B.A.P., doch leider ist vieles im Laufe der Zeit auf der Strecke geblieben, Sendungen wie DSDS haben die Musikszene verwaschen, ihren Wert irgendwie doch gemindert in den Augen der Menschen. „Wir würden uns gern auf die Fahne schreiben: Wir wollen für die Wertigkeit von Musik stehen. Und: Es lohnt sich, zu kämpfen und zu hoffen.“

Und wenn vieles Grau in Grau scheint, dann scheint so manches Licht noch umso heller und weiter. EV

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