Die Wilden Zwanziger

Normalerweise hört man ja immer die goldenen Zwanziger, und gefällt allerdings schlicht die Bezeichnung der wilden Zwanziger besser – und das trifft es auch. Zumal sich ersteres auch eher national beziehen läßt und das ist nicht sonderlich – weitblickend. Späßle gemacht. Nun kommen wir aber mal zur Sache. Die goldenen Zwanziger – der Begriff stammt eigentlich daher, daß es in den Jahren 1924 bis 1929 besonders für Deutschland recht gut bergauf ging. Naja, mit der anschließenden Weltwirtschaftskrise war das Lachen für alle wohl nicht mehr so breit, dafür kamen grad Leute wie Bugsy Siegel langsam aber sicher ausm Quark, was das Ganze doch auch reizvoll macht. Bricht die Wirtschaft zusammen, kommen die verwegen Vollzeit-Psychopathen, verwursten die verbrannte Erde noch mehr. Dabei ist ihnen eine fast übermenschliche Aura inne und wir schreiben hier grad totalen Quatsch.

Über den Zwanzigern hängt allerdings wirklich ein ganz anderes Flair – Kultur und Wirtschaft hielen viele Überraschungen auf Lager. Wir wollen Euch an dieser Stelle nicht mit einer Geschichtsstunde langweilen, sondern einfach mal diese Zeit so betrachten, wie sie auf ein kleines, staunendes Kind wirken mag und keinen Geschichts-Studenten, einfach mal die Gesellschaft in den Vordergrund stellen. Auch die Geburtsjahren technische Abgrenzung zur vorhergehenden, kriegsgeplagten Generation spielte hier eine Rolle, insofern kommt dem Begriff der „Goldenen Zwanziger“ eine doppeldeutige Bedeutung zu. Doch es sollte mit dem berühmten „schwarzen Donnerstag“, dem Crash an der Wall Street eine Menge ungeahnter Folgen ins Rollen kommen. Soziale Spannungen, die aufgrund des Aufschwung vergessen und verschwunden schienen, machten sich wieder breit, auch die ersten Spuren des Nationalsozialismus waren wahrzunehmen.

Aber mir gefällt der Begriff des schwarzen Donnerstags, ich kann mir nicht helfen, und ich denke, dass da noch ein Artikelchen auf unsere ganz eigene Art nachkommen wird. Weil: Die Amis haben was nicht im Griff und alle dürfen´s auslöffeln. Ist doch wahr! Im Großen und Ganzen kann man sagen: Die 20er haben vorerst für Stabilität gesorgt, doch die Veränderungen daraus resultierend sollten umso größer sein. Eine der Veränderungen sollte ein neues Selbstbewußtsein der Frauen sein: Die Mädels nahmen sich, vorlaut wie sie sind, mehr heraus, rauchten öffentlich, die Lesbenzeitung „Die Freundin“ ging an den Start, Haftstrafen wurden bei Schwangerschaftsabbrüchen verkürzt, Zuchthäuser wurden nun Gefängnisse, in der Kunst machte sich der Begriff der „Neuen Sachlichkeit“ breit. Es wurde der Einfluß des Ersten Weltkriegs auf die Kunst ebenso deutlich wie auf die Gesellschaft an sich, es wurde weniger Scham an den Tag gelegt, neue Themen wurden zum Mittelpunkt, sei es das Leben in der Großstadt, Sozialkritisches wie die Kluft zwischen Arm und Reich… Freizügiger, unverhohlener war das Gebot der Stunde. Beispiele:amor

Max Beckmann („Christus und die Sünderin“)
Otto Griebel („Ein Stück europäischer Kulturaufschnitt!“)
Max Klinger („Amor und Psyche“)
Jeanne Mammen („Zimmer frei“)

Gemälde von William Adolphe Bouguereau

Im modischen Bereich wollte Frau schockieren, der Wert von Zubehör rund um die Kleidung war schnurz. Je länger die Zigarettenspitze, umso besser, Boas wohin man blickte und mit dem Bubikopf als Haarschnitt waren die lange Zöpfe endgültig ab. Düster, akkurat und klassisch zeigte sich Mann, Schulterpolster zierten die Sakkos, ein männliches, muskulöses Erscheinungsbild war das vorrangige Ziel. Der Polsterwahn hatte irgendwann aber auch wieder ausgedient und die werten Herren der Schöpfung wandten sich legeren Jacken zu und schlicht taillierteren Schnitten. Auch rechten Hype betrieben die männlichen Zeitgenossen auch schuhtechnisch. Dieser Schuh hatte aus jenem Material zu sein, rechts sollte nicht von links unterscheiden sein – Papperlapapp eben, aber damals von höchstem Interesse.
Synthetische Fasern begannen ihren Siegeszug und zu allem Elend gab´s dann noch den Topfhut. Apropos Topfhut – Topf – Topfschlagen – Sport: Der wurde zum Allgemeinvergnügen und der Run in den Medien nahm seinen Lauf. Selbst die letzte Maus im kleinsten Loch hinter dem dreckigsten Ofen mußte „live“ dabei, informiert sein, wenn Max Schmeling wieder Haue verteilte. Boxen wurde in dieser Zeit eh populär und die Radler taten es ihm gleich.

In Deutschland war man schon vor dem Ersten Weltkrieg mit Lichtspielhäusern am Start, in den 20ern sollte sich das Ganze allerdings so richtig etablieren und das ziemlich rasant. Allein in Deutschland verdoppelte sich die Zahl der Kinos. Mit Radio sah es da noch schlechter aus und wenn es Sendungen gab, dann bitte keine politischen. Hörspiele waren angesagt. Aber weggezaubert hat´s die Unbekümmerheit auch nichts, mehr Trug als man sich damals eingestehen wollte…

Nun wissen wir also zu welchen Umfug die Zwanziger die Menschen angestiftet haben 😉 Klar werden wir uns auch die weiteren Dekaden vornehmen. In diesem Sinne

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