Götterdämmerung, Part I

Wie gebannt starrte Amythiel aus ihrem Fenster. Die Sonne war kein Trugschluß, sie schien tatsächlich. Zugleich glücklich und wehmütig blinzelte sie nach oben. Gabriel hatte es tatsächlich geschafft. Als letzter, verbleibender Erzengel war er in die Zwischenwelt geschickt worden, um das Licht der Gnade dorthin zurückzubringen und vor der endgültigen Dunkelheit und Übernahme der Dämonen zu retten. Alle Erzengel, Amythiel eingeschlossen, waren gescheitert. Manche unwiederbringlich tot, manche bis aufs Blut gedemütigt und von Gott vergessen. Sie selbst wurde „nur“ der Gnade beraubt, verlor ihre Flügel, wurde vom Bösen als Hure unterjocht.

Gabriel würde sich nach seinem Triumph und seiner Rückkehr gen Himmel an nichts mehr erinnern – das Los einer beginnenden Liebe zwischen Erzengel und Gefallener. Insgeheim spürte sie, während ihre Augen sich langsam an die Helligkeit gewöhnten, daß ihre einzige Liebesnacht Konsequenzen haben würde… Amythiel ahnte aber nicht, welches Ausmaß sich anbahnte.

Alle Engel und Dämonen ereilte in der Zwischenwelt das gleiche Schicksal: Ein fleischgewordener Körper, neue Sinne, der Schmerz und die Glückseligkeit einer eigenständigen Seele – Hunger? Als Engel ein nicht vorstellbares Gefühl. Ihrer gefallenen Brüdern und Schwestern, Uriel, Michael, Rafael, selbst der dunklen Seite in Form von Lilith, Samuel und seinen Schergen gedenkend, schritt sie zu ihrem Relikt an Kühlschrank und nahm einen tiefen Schluck Milch. Milch? Als Engel war sie ihr total fremd, doch selbst als Mensch mochte sie dieses Zeug eigentlich nicht. „Seltsam“, murmelte sie vor sich hin, stellte die Flasche zurück (sie konnte sich nicht erinnern, je Milch besorgt zu haben…) und knotete ihr Hemd neu, als es unvermittelt an ihrer schäbigen Tür klopfte. ´Mit Sonne wirkt sogar diese Bruchbude viel freundlicher´, schoß es ihr durch den Kopf, dennoch fühlte sie sich durch das Klopfen an ihre letzte Nacht als Hure erinnert, als Michael in Samuels Körper ihr den Todesstoß versetzen lassen wollte.

Langsam öffnete sie die Tür, ließ jedoch zur Vorsicht die Kette davor. „Wer will was“, raunzte sie harsch. „Die Erste Triade bittet um Einlaß“, antworte eine sanfte Stimme. Was zum Henker wollten die von ihr? Die oberste Gefolgschaft Gottes wurde in drei Tiraden unterteilt. Je nach Aufgaben fanden sich Cherubim, Seraphim, Erzengel und viele andere dort wieder. Zaudernd löste sie das Schloß.

©Illyria

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